Was bereuen Sterbende am meisten? (Statistiken Schweiz)

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Was bereuen Menschen, wenn ihr Leben zu Ende geht? Die Palliativpflegerin Bronnie Ware hielt fest, was Sterbende ihr am häufigsten anvertrauten, und an erster Stelle stand selten der Beruf oder der Besitz, sondern der Wunsch, mutiger gelebt, Gefühle ausgesprochen und Beziehungen gepflegt zu haben. Zugleich zeigt die Forschung, was am Lebensende wirklich zählt: Schmerzfreiheit, innerer Friede und das Gefühl, niemandem zur Last zu fallen.

Kurz zusammengefasst

Die Palliativpflegerin Bronnie Ware hielt fest, was Sterbende am häufigsten bereuen: an erster Stelle stand der Wunsch, sich selbst treu zu leben, gefolgt von weniger zu arbeiten, Gefühle auszudrücken, Freundschaften zu pflegen und sich mehr Glück zu erlauben. Keiner dieser Wünsche handelt von Besitz oder Status. Die Forschung zeigt zugleich, was am Lebensende wirklich zählt: Schmerzfreiheit, innerer Friede und das Gefühl, niemandem zur Last zu fallen.

Diese Seite bündelt die wichtigsten Statistiken und Erkenntnisse dazu, was Menschen am Lebensende bereuen und was ihnen wichtig ist: die fünf häufigsten Wünsche Sterbender, die Lücke zwischen dem Wunsch, zu Hause zu sterben, und der Wirklichkeit in der Schweiz, das Schweigen über den Tod und die Frage, wie geregelte Verhältnisse den Hinterbliebenen eine Last nehmen. Jede Zahl ist mit einer Quelle verlinkt, die Sie am Ende der Seite finden.

Was Sterbende bereuen: die fünf grossen Themen

Die australische Palliativpflegerin Bronnie Ware hat über Jahre festgehalten, was Menschen in ihren letzten Wochen am meisten beschäftigt hat. Ihre Beobachtungen gehören zu den meistzitierten überhaupt und werden hier bewusst qualitativ wiedergegeben, ohne erfundene Prozentzahlen.

1. Der häufigste Wunsch: ein Leben treu zu sich selbst

An erster Stelle der von Bronnie Ware dokumentierten Reuegefühle steht der Satz "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu leben und nicht das Leben zu führen, das andere von mir erwarteten." Viele Menschen erkannten erst am Ende, wie viele eigene Träume sie unerfüllt liessen.1

2. Arbeit, Gefühle, Freundschaften und das eigene Glück

Die weiteren vier dokumentierten Wünsche lauten: "Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet", "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken", "Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben" und "Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein". Auffällig ist, dass keiner dieser Wünsche von Besitz oder Status handelt.2

Was am Lebensende wirklich zählt: die Forschung

Über die persönlichen Beobachtungen hinaus gibt es belastbare wissenschaftliche Studien dazu, was Menschen am Ende ihres Lebens als wichtig bewerten. Sie zeichnen ein erstaunlich übereinstimmendes Bild.

3. Schmerzfreiheit steht an oberster Stelle

In der vielzitierten Studie von Steinhauser und Kollegen (JAMA, 2000) bewerteten Patientinnen und Patienten die Freiheit von Schmerzen und belastenden Symptomen als wichtigsten Faktor am Lebensende. Ebenfalls hoch gewichtet wurden, anderen nicht zur Last zu fallen, geistige Klarheit und innerer Friede.3

4. Eine Vertrauensperson benennen und Angelegenheiten ordnen

Eine zweite Studie derselben Forschungsgruppe (Journal of Pain and Symptom Management, 2001) fand breite Übereinstimmung darüber, was zur Vorbereitung auf das Lebensende gehört: eine Person zu benennen, die im Ernstfall entscheidet, die eigenen finanziellen Angelegenheiten zu ordnen und die Behandlungswünsche schriftlich festzuhalten. Vorbereitung wird als wertvoll erkannt, in der Praxis aber oft hinausgeschoben.4

Versöhnung am Lebensende: eine Schweizer Studie

Eine der eindrücklichsten Untersuchungen zu den letzten Tagen stammt aus einem grossen Schweizer Spital und beschäftigt sich mit Vergebung und Versöhnung.

5. Bei 62 Prozent kam es zu Versöhnungsprozessen

In einer Schweizer Studie mit 50 sterbenden Krebspatientinnen und -patienten, die familiäre Konflikte hatten, kam es bei 62 Prozent wiederholt zu Prozessen von Vergebung und Versöhnung. Bemerkenswert: 22 von ihnen starben innerhalb von 48 Stunden, nachdem sie diese Versöhnung gefunden hatten.5

Wo Menschen sterben wollen und wo sie es tun

Kaum ein Bereich zeigt die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit so deutlich wie der Sterbeort. Die meisten Menschen in der Schweiz haben eine klare Vorstellung, doch die Realität sieht anders aus.

6. Rund drei Viertel möchten zu Hause sterben

In der vom Bundesamt für Gesundheit in Auftrag gegebenen Bevölkerungsbefragung zu Palliative Care gaben rund drei Viertel der Befragten an, am liebsten zu Hause sterben zu wollen. Eine repräsentative Befragung aus dem Jahr 2018 bestätigt diesen Wert mit rund 70 Prozent.6

7. 44 Prozent sterben im Heim, 37 Prozent im Spital

Tatsächlich starben in der Schweiz von den über 65-Jährigen 44 Prozent im Alters- und Pflegeheim und 37 Prozent im Spital. Nur 19 Prozent verstarben zu Hause oder an einem anderen Ort. Acht von zehn Menschen verbringen ihre letzte Lebensphase also nicht dort, wo sie es sich gewünscht hätten.7

8. 91 Prozent wünschen Palliative Care für alle

Die breite Zustimmung zu einer würdevollen letzten Lebensphase ist gross: In der Bevölkerungsbefragung des Bundesamtes für Gesundheit sprachen sich rund neun von zehn Personen dafür aus, dass Palliative Care allen schwer kranken und sterbenden Menschen in der Schweiz zur Verfügung stehen sollte.8

Das grosse Schweigen: der Tod als Tabu

Damit das, was am Ende zählt, auch geschehen kann, müsste man darüber sprechen. Genau hier zeigt sich eine bemerkenswerte Zurückhaltung in der Schweiz.

9. Nur gut die Hälfte teilt die eigenen Wünsche mit

In einer repräsentativen DemoSCOPE-Befragung mit 1'000 Personen im Auftrag von Swisstransplant hatte erst rund die Hälfte der Befragten (53 Prozent) ihren Willen zu einer so persönlichen Frage wie der Organspende überhaupt geäussert. Über die eigenen letzten Wünsche zu sprechen, fällt vielen Menschen sichtlich schwer.9

10. "Bin noch nicht dazu gekommen" als häufigster Grund

Auf die Frage, warum sie ihre Wünsche nicht festgehalten hatten, nannten 48 Prozent der Befragten in derselben DemoSCOPE-Umfrage schlicht "Bin noch nicht dazu gekommen oder habe mich noch nicht damit befasst". Weitere 11 Prozent gaben offen an, das Thema verdrängt zu haben. Es ist seltener Ablehnung als Aufschieben.10

Vorsorge als Fürsorge für die Hinterbliebenen

Wer rechtzeitig festhält, was er sich wünscht, nimmt den Angehörigen in der schwersten Stunde eine grosse Last ab. In der Schweiz gibt es dafür klare rechtliche Instrumente, doch sie werden ungleich genutzt.

11. Seit 2013 ist die Patientenverfügung verbindlich

Mit dem revidierten Erwachsenenschutzrecht, das am 1. Januar 2013 in Kraft trat, wurde die Patientenverfügung in der Schweiz erstmals auf Bundesebene rechtlich verbindlich verankert (Art. 370 ff. ZGB). Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte müssen einer gültigen Patientenverfügung entsprechen.11

12. 22 Prozent haben eine Patientenverfügung

In einer von Pro Senectute beauftragten und vom Institut GfS durchgeführten repräsentativen Befragung (2017, 1'200 Personen) verfügten 22 Prozent der Bevölkerung über eine Patientenverfügung. Bei den über 65-Jährigen waren es 47 Prozent, in der jüngsten Altersgruppe dagegen nur 5 Prozent.12

13. Nur 12 Prozent haben einen Vorsorgeauftrag

Während die Patientenverfügung schon recht verbreitet ist, hatte in derselben Befragung erst rund jede zehnte Person (12 Prozent) einen Vorsorgeauftrag erstellt. Damit regeln nur wenige Menschen verbindlich, wer im Fall der Urteilsunfähigkeit über persönliche und finanzielle Belange entscheiden soll.13

14. Nur etwa ein Viertel hat ein Testament

Laut der Schweizer Erbschaftsstudie der ZHAW (2023) schreibt nur etwa ein Viertel bis ein Drittel der Erblassenden in der Schweiz ein Testament. Bei allen anderen tritt die gesetzliche Erbfolge ein, auch wenn das nicht immer dem entspricht, was sich die verstorbene Person gewünscht hätte.14

15. 74 Prozent halten ein Testament für wichtig, 26 Prozent haben eines

Eine von den Schweizer Notaren in Auftrag gegebene Demoscope-Umfrage (2018) zeigt die Lücke besonders deutlich: 74 Prozent der Befragten halten ein Testament für wichtig oder sehr wichtig, doch nur 26 Prozent haben tatsächlich eines errichtet. Zwischen guter Absicht und Umsetzung liegen oft Jahre.15

Was weitere unabhängige Quellen zeigen

Über die bereits genannten Studien hinaus zeichnen weitere amtliche Berichte und Befragungen ein konsistentes Bild davon, wie sich Menschen das Lebensende wünschen und wie selten sie darüber sprechen.

16. Über 80 Prozent denken über das eigene Lebensende nach

Im Bericht des Bundesrates zur Betreuung von Menschen am Lebensende (2020), für den die Wohnbevölkerung ab 15 Jahren befragt wurde, gaben über 80 Prozent an, über das eigene Lebensende nachzudenken. 70 Prozent der Befragten wussten, was eine Patientenverfügung ist, und zwei Drittel hatten sich bereits konkrete Gedanken zur gewünschten Behandlung am Lebensende gemacht. Der Bericht hält zudem fest, dass die Zahl der jährlichen Todesfälle laut Szenarien des BFS um 50 Prozent zunehmen wird, von heute rund 60'000 auf über 90'000.16

17. 31,8 Prozent verbrachten ihr letztes Lebensjahr nur im Pflegeheim

Eine Analyse des Obsan zu den Aufenthaltsorten älterer Menschen im letzten Lebensabschnitt (Sterbejahr 2016, ab 65 Jahren) zeigt, dass 31,8 Prozent der untersuchten Verstorbenen ihr letztes Lebensjahr ausschliesslich im Alters- und Pflegeheim verbrachten, ohne einen einzigen Spitalaufenthalt. Unter den im Spital oder im Heim Verstorbenen überwog dabei der Frauenanteil mit 57 Prozent.17

18. Im Median sterben 52 Prozent der Menschen im Spital

Eine im European Journal of Public Health veröffentlichte Studie zu europäischen Ländern (Zeitraum 2005 bis 2017) zeigt, dass der Anteil der Todesfälle im Spital zwischen 26 Prozent und 68 Prozent schwankte, bei einem Median von 52 Prozent. In den wohlhabenderen Ländern Nordwesteuropas war der Anteil niedrig und rückläufig, im Süden und Osten dagegen hoch und steigend.18

19. 60 Prozent finden, dass die Gesellschaft zu wenig über das Sterben spricht

In einer repräsentativen Befragung von über 1'000 Personen für den Deutschen Hospiz- und PalliativVerband (2022) sagten 60 Prozent, die Gesellschaft befasse sich zu wenig mit Sterben und Tod. Jede zweite befragte Person möchte zu Hause sterben, doch nur 3 Prozent nannten das Spital und 1 Prozent das Pflegeheim als gewünschten Sterbeort. Rund ein Drittel hat zudem Angst davor, am Lebensende anderen zur Last zu fallen.19

Vieles am Lebensende lässt sich nicht mehr ändern. Eine Sache aber schon: ob Sie Ihren Liebsten geordnete Verhältnisse und klare Wünsche hinterlassen oder sie in der Trauer mit offenen Fragen zurücklassen. Wer seine Angelegenheiten regeln möchte, kann unseren Testament-Generator nutzen oder sich in den Beiträgen Testament schreiben, Wie viele haben ein Testament? und Digitaler Nachlass einlesen.

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Häufig gestellte Fragen

Was bereuen Sterbende am meisten?

Nach den Beobachtungen der Palliativpflegerin Bronnie Ware bereuen Menschen am häufigsten, nicht sich selbst treu gelebt, zu viel gearbeitet, ihre Gefühle nicht ausgedrückt, Freundschaften vernachlässigt und sich zu wenig Glück erlaubt zu haben. Keiner dieser Wünsche handelt von Besitz oder Status.

Was ist Menschen am Lebensende wichtig?

Studien zeigen ein übereinstimmendes Bild: Am Lebensende zählen vor allem Schmerzfreiheit, innerer Friede und das Gefühl, den Angehörigen nicht zur Last zu fallen.

Warum nimmt eine geregelte Nachlassplanung den Angehörigen eine Last?

Wer seine Verhältnisse zu Lebzeiten ordnet, erspart den Hinterbliebenen Unsicherheit und Streit in einer ohnehin belastenden Zeit. Vorsorge wird so zur Fürsorge für die Menschen, die zurückbleiben.

Quellenverzeichnis

  1. 1Bronnie Ware (bronnieware.com)
  2. 2Bronnie Ware (bronnieware.com)
  3. 3Steinhauser et al. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)
  4. 4Steinhauser et al. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)
  5. 5Renz et al. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)
  6. 6Adullam / Bevölkerungsbefragung 2018 (adullam.ch)
  7. 7swissinfo.ch / Obsan (swissinfo.ch)
  8. 8BAG / gfs.bern (bag.admin.ch)
  9. 9DemoSCOPE / Swisstransplant (demoscope.ch)
  10. 10DemoSCOPE / Swisstransplant (demoscope.ch)
  11. 11EXIT / Pro Senectute (exit.ch)
  12. 12EXIT / Pro Senectute (GfS 2017) (exit.ch)
  13. 13EXIT / Pro Senectute (GfS 2017) (exit.ch)
  14. 14ZHAW (digitalcollection.zhaw.ch)
  15. 15Schweizer Notare / Demoscope 2018 (snv-fsn.ch)
  16. 16Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) (samw.ch)
  17. 17Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan) (obsan.admin.ch)
  18. 18European Journal of Public Health (Oxford University Press) (academic.oup.com)
  19. 19Deutscher Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) (dhpv.de)
Max Kuch

Über den Autor

Max Kuch

Max Kuch beschäftigt sich seit Jahren mit Erbrecht, Nachlassplanung und Verbraucherthemen rund um das Vererben. Für Testament Schweiz sichtet und bündelt er Forschung und repräsentative Studien, hier etwa von Bronnie Ware, aus der internationalen Palliativforschung, vom Bundesamt für Statistik, von Pro Senectute und der ZHAW, und bereitet sie verständlich auf.

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